Teil 5: Humahuaca

3 Dez

Ein weiterer Ausflug führte uns nach Humahuaca, eine Stadt nördlich von Tilcara, die ihren Namen, ebenso wie die Quebrada, dem Volk der Omaguacas verdankt, die noch vor den Inka und den im 16. Jahrundert dazustoßenden spanischen Eindringlingen in Jujuy gelebt hatten.

Humahuaca ist ein sehenswertes Städtchen, das vor allem vom Tourismus lebt – ein Fakt, der einen paradoxerweise als Tourist ganz besonders stört. In den kleinen Kopfsteinpflastergassen werden Unmengen der hier so wichtigen Kunsthandwerkprodukte zum Verkauf angeboten: Mützen, Handschuhe und Strümpfe mit Lama-Motiven aus der Wolle der abgebildeten Spezies (wo Lama drauf ist, ist auch Lama drin), bunte Stoffe mit den klassischen Motiven (ähm…Lamas), Schnitzwerk und Tongut. Ein Open-Air-Shopping-Center, das aber durch die Farbpracht der ausgestellten Produkte und die malerischen engen Gässchen durchaus ästhetischen Reiz hat. Daneben trifft man immer wieder kleine alte Menschen mit großen Hüten und farbenfrohen Trachten, die Koka-Blätter und anderes regionales Kraut und Gewürz anbieten. Auch wir verfielen in Shopping-Laune und erstanden zwei Tütchen Koka-Blätter sowie zwei Mützen – aus Lamawolle natürlich. Wir waren außerdem kurz davor, ein Charango zu kaufen. Das Charango ist ein im Norden Argentiniens sowie in ganz Bolivien verbeitetes Zupfinstrument. Es hat etwa die Größe einer Ukulele, ist jedoch mit 12 Saiten bespannt. Die Folklore andino oder norteño (also die andine oder nordische Volksmusik) mit ihren verschiedenen Rhythmen, wie z. B. dem Carnevalito, der Zamba, der Cueca und dem Bailecito, wird getragen von dem charakteristischen Klang des Charango. Wer schon einmal Kompositionen von Gustavo Santaolalla gehört hat (von ihm sind z. B. die Soundtracks zu den meisten Iñárritu-Filmen – 21 Gramm, Babel, Amores Perros, Biutiful – aber auch die Filmmusik zu den Motorcycle Diaries), der kennt den melancholischen, herzzerreißenden Klang dieses fantastischen Instruments. Langer Rede kurzer Sinn: Wir haben keins gekauft und wir bereuen es bis heute. (Jetzt, kurz vor unserer Reise nach Berlin, denke ich, wir haben uns da ein Riesen-Geschäft durch die Lappen gehen lassen: mit Lamawollmützen Charango spielend am Alexanderplatz – so soll ja schon manch einer reich geworden sein.)

Der krönende Abschluss des Spaziergangs durch Humahuaca ist der Besuch des Monumento a los Héroes de la Independencia, eines jener majestätischen Denkmäler für die Helden des Unabhängigkeitskampfes gegen die spanische Krone, die in keinem noch so kleinen argentinischen Kuhdorf fehlen dürfen. Das Monument selbst ist ein hässlicher Koloss aus den 1950er-Jahren im Stile ähnlich hässlicher Helden-Ehrenmäler, wie sie der Berliner beispielsweise aus dem Treptower Park kennt („…ein solches“). Hoch oben über der Stadt thront es, man muss unzählige Stufen steigen, um es zu erreichen. Ist man oben angelangt, so tut man gut daran, dem versteinerten Heroismus den Rücken zuzudrehen und schlicht und einfach den atemberaubenden Ausblick zu genießen.

  

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Teil 4: Das Teufelsschlündchen

2 Dez

Die deutsche Sprache, in aller Welt für ihre vier Kasus, drei Genera und die daraus resultierende unzumutbare Adjektivdeklination gefürchtet, verfügt über eine Vielzahl an Vokabeln, die aufgrund ihrer komplexen und kulturspezifischen Semantik für viele andere Sprachen unübersetzbar sind und daher als Direktentlehnungen in diese übernommen werden. Gerade im Englischen stolpern wir immer wieder amüsiert oder auch erschrocken über deutsches Wortgut: angst, doppelgänger, blitzkrieg, gesundheit, zeitgeist, gemütlichkeit sind nur einige. Ein weiteres ist wanderlust.

Die Deutschen, nicht nur jene mit Nachnamen oder Profession Müller, haben seit jeher Wanderlust. Laufen um des Laufens Willen. Der Weg ist das Ziel. Draußen zu Hause. Ob der Antrieb nun der ledigliche Wunsch nach Qualitätszeit mit Flora und Fauna oder aber die Hoffnung auf einen Caspar-David-Friedrich-Moment überm Nebelmeer oder im Mondschein ist – in jedem Fall liegt der Wanderurlaub in den deutschen Reisetrend-Statistiken der letzten Jahre stets an zweiter Stelle, gleich nach dem Bade- und Sonnenurlaub (das habe ich tatsächlich recherchiert).

In Argentinien, das ist mein Eindruck, ist das Wandern hingegen nicht gerade ein Volkssport. So konnte ich im argentinischen Spanisch nicht einmal ein einheimisches Wort für diese Freizeitbeschäftigung entdecken. Trekking sagt man hierzulande dazu. Aber das ist ja nicht dasselbe! Da haben die Argentinier an der falschen Stelle direktentlehnt.

Unser erster Ausflug sollte nun also eine Wanderung zur Garganta del Diablo, dem Teufelsschlund, sein. Was hier so mächtig und wild klingt, ist in Wirklichkeit ein winziger, befestigter Wasserfall in einer Felsschlucht, der zum Zeitpunkt unseres Besuches so gut wie kein Wasser führte. Kein Teufelsschlund weit und breit,  Beelzebubs Uvula vielleicht – wenn überhaupt. Beeindruckend war dann aber zumindest der Weg zu dieser plätschernden Enttäuschung. In unserem Fall war also tatsächlich der Weg das Ziel. Denn unsere kleine Wanderung führte uns durch ein atemberaubendes Tal, das uns mit seiner Schönheit, Weite und seinem Farbspiel immer wieder anhalten und staunend zurückschauen ließ. Die Quebrada de Humahuaca, die sich hier vor uns ausbreitete, ist übrigens Teil des berühmten Camino Inca oder Inka-Trails, jenes von den Inka angelegte Straßennetz, das sich durch ihr gesamtes Reich von Kolumbien bis hinunter nach Chile zog.

 

Am Teufelsschlund angelangt machten wir die klassische Mate-Pause, füllten unsere Trinkflaschen im Bergflüsschen auf und schossen Fotos, wobei tatsächlich die ein oder andere Friedrichsche Impression entstand. Anschließend machten wir uns auf den Rückweg. Anhalten und zurückschauen war nicht mehr nötig, die Quebrada lag vor uns.

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Teil 3: Tilcara

2 Dez

Buenos días niña de Tilcara,
estoy hace solo dos días aquí,
estaba por irme a Humahuaca
y sin querer te ví…

Buenas tardes niña de Tilcara,
esto es algo que no puedo creer,
con los pies en el río,
frente a la Quebrada, vos cerca mío,
el sol está justo y el mate también…

Guten Morgen, Mädchen aus Tilcara,
ich bin erst seit zwei Tagen hier,
ich war auf dem Weg nach Humahuaca
und zufällig sah ich dich…

Guten Abend, Mädchen aus Tilcara,
ich kann es nicht glauben,
mit den Füßen im Fluss,
vor mir die Quebrada, du bei mir,
die Sonne ist genau richtig und der Mate auch…

[aus: "Niña de Tilcara" von den Intoxicados]

Tilcara, so wie wir es im Mai außerhalb der Hochsaison erlebten, ist ein verschlafenes Städtchen mit etwa 5600 Einwohnern auf 2500 Metern Höhe inmitten von Bergen. Während der Hochsaison machen hier täglich Hunderte von Touristen auf ihrer Reise durch die Quebrada de Humahuaca Station. Meist bleiben sie nur kurz. Um die Mittagszeit fallen sie reisebusweise in die nahe des Ortseingangs angesiedelten Restaurants und Souvenirshops ein, dann geht es im klimatisierten Doppeldecker weiter Richtung Norden.

Tilcaras gemütliche Einfachheit hat uns fasziniert. Die Sträßchen, die sich nach argentinischer Manier schnurstracks und symmetrisch durch den Ort ziehen, sind vorwiegend aus Sand und Staub und Steinen. Die Hauptstraße, die vom Ortseingang ins Stadtzentrum führt, wurde zum Zeitpunkt unseres Besuches gerade gepflastert. Hier putzt sich das staubige Nest für die durchreisenden Souvenirjäger heraus. Moderne Shops stellen in eleganten Glasvitrinen silberbeschlagene Matebecher und anderes regionales High-End-Kunsthandwerk zu dementsprechend anspruchsvollen Preisen aus. Kulinarisch kann man zwischen einem rustikalen Restaurant im „Ethno-Outfit“ und einer zeitgemäßen Pizza-Bar wählen. Entfernt man sich etwas von dieser Möchte-Gern-Touristen-Meile und folgt der gepflasterten Hauptstraße bergauf Richtung Zentrum, so gelangt man zum Marktplatz der Stadt. Hier werden täglich regionale Produkte, vor allem Artesanía aus bunten Stoffen, Lama-Wolle und Kakteenholz feilgeboten. Rund um den Platz sind weitere Restaurants angesiedelt, in denen regionale Küche zubereitet wird: Locro norteño, Tamales, Humitas, Empanadas aus Mais-Mehl mit Quinoa-Füllung, Lama-Fleisch, Ziegenkäse… Die Küche hier bereitete uns jede Menge neue Geschmackserlebnisse. Während man in Buenos Aires auch als Europäer mit Pizza, Pasta, Steak und Co. selten etwas auf den Tisch bekommt, das überrascht, so eröffnete sich uns hier, ganz im Norden Argentiniens, der ungekannte kulinarische Horizont der andinen Küche mit ihrer jahrtausendealten Tradition.

An unserem ersten Morgen in Tilcara machten wir einen Bummel durch die staubigen Straßen Tilcaras. Bescheidene Häuschen, am Wegesrand in der Sonne dösende Hunde, ab und an ein klappriges Auto, sonst kaum Menschen und drumherum das atemberaubende Anden-Panorama. Eine für uns unfassbare Stille und Idylle. Lebt man nur lang genug in Buenos Aires, so gewöhnt man sich auch als Karlshorster nach einer Weile wohl oder übel an den immer gleichen Geräuschpegel, der tags und nachts herrscht. Irgendwann merkt man nicht mehr, wie sehr  dieser Lärm eigentlich an den Nerven zerrt und einen nie wirklich zur Ruhe kommen lässt. Hier, in Tilcara, im herrlichen, staubigen Nirgendwo in den Anden, schlackerten uns plötzlich die Ohren – vor lauter Stille.

      

Am selben Tag noch machten wir einen ausgiebigen Spaziergang hinaus aus der Stadt zu einer winzigen Lagune, die uns wesentlich beeindruckender beschrieben worden war, als jenes Tümpelchen, das wir vorfanden. Das ließ uns zwar zweifeln, ob wir unser Ausflugsziel überhaupt erreicht hatten, doch befanden wir das Ufer des braunen Pfützchen für ausreichend gemütlich, um die wohlverdiente Mate-Pause abzuhalten. Auch hier, umgeben von Bergen, Sand, Wiesen und Wind, fühlten wir, wie die Stille wie Balsam auf unsere Großstädter-Verspannungen in Kopf, Nacken, Herz und Magen wirkte.

In den folgenden Tagen unternahmen wir verschiedene Ausflüge zu Sehenswertem rund um Tilcara…

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Castellano für Anfänger, Lektion 5

[spa.] mate (el) – [dt.] Mate (der)

Wenn man die Argentinier verstehen will, dann muss man Mate trinken. Mate ist nicht nur eine Tradition, Mate ist eine Lebenseinstellung, eine Philosophie. Mate ist Argentinien und Argentinien ist Mate. Mate trinken geht so:
Man nehme…

  • mindestens zwei Personen (eine davon sollte Argentinier/in sein, sonst ist es albern),
  • einen gemütlichen Moment
  • einen Mate-Becher (oder einfach nur un mate, wie der Argentinier sagt, wahlweise aus Zierkürbis, Holz oder Palo Santo),
  • eine Bombilla (ein Strohhalm, meist aus Metall, mit einem kleinen Sieb am unteren Ende)
  • Yerba Mate (der Tee)
  • 70 bis 80° C heißes Wasser
  • ggf. ein wenig Zucker

Das Yerba wird in den Mate gefüllt, die Bombilla in den Mate gesteckt und dann das Wasser langsam in das Yerba gegossen. Nach Wunsch kann auch etwas Zucker hinzugegeben werden. Dann wird der erste Mate  mithilfe der Bombilla getrunken. Nun wird erneut Wasser aufgegossen und der Mate an die nächste Person weitergereicht. Achtung: es gibt immer einen Mate-Verantwortlichen. Der Mate wird zum Trinken reihum gegeben, das Auffüllen übernimmt aber immer der Verantwortliche. Das geht solange, bis das Yerba ausgewaschen ist und daher ausgewechselt werden muss.
Mate-Trinken gehört für die Argentinier genauso zum ganz normalen Alltag wie für uns das Kaffee-Trinken. So wie man sich bei uns auf einen Kaffee trifft, so verabredet man sich in Argentinien auf einen Mate. Der echte Argentinier mag seinen Mate schön bitter, ohne Zucker, ohne Schnickschnack. Trotzdem können abgesehen vom Zucker auch ein wenig Kaffeepulver, getrocknete Orangenschalen oder Kräuter hinzugegeben werden. Im Sommer ist auch die nordargentinische Variante des Mate, der Tereré sehr beliebt. Hier wird anstelle des heißen Wassers beispielsweise eiskalte Zitronenlimonade (ohne Kohlensäure) verwendet, am besten mit zwei zusätzlichen Eiswürfeln im Becher. Gegen die unerträglichen Sommer-Temperaturen ist dies die beste Medizin, da man sofort innerlich abkühlt (etwa so: zzischhhhh).
Die meisten Europäer, die sich im Mate-Trinken versuchen, sind nicht sofort begeistert. Typisch ist das durch die Bitterkeit des Getränks ausgelöste Naserümpfen. Da hilft nur viel Üben und viel Zucker. Nach über einem Jahr unter Argentiniern kann ich das bittere Naserümpfen noch immer nicht unterdrücken (siehe Foto). Trotzdem trinke ich Mate, nicht aus Überzeugung, sondern vielmehr aus Gruppenzwang und weil meinem argentinischen Schwiegerpapa die Tränen in den Augen stehen, wenn seine deutsche Schwiegertochter mit ihm Mate trinkt.

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Teil 2: Von Salta nach Jujuy

11 Jul

Die Provinz Salta wird von den Argentiniern liebevoll La Linda genannt: die Schöne. Verlässt man die Provinzhauptstadt und begibt sich auf die leeren Landstraßen Richtung Jujuy, so begreift man sehr schnell, dass Salta sich ihren lobenden Beinamen durchaus verdient hat. Leuchtend grüne, sanfte Hügel, die sich zum Horizont hin zur majestätischen Cordillera de los Andes, der andinen Bergkette, auftürmen. Die Spitzen der in der blauen Ferne thronenden Kolosse sind in Schnee oder Wolken getaucht. Helle Linien verlaufen an den schroffen, grafitfarbenen Bergwänden wie hervorstehende Adern an den drahtigen Armen eines wettergegerbten Alten. All dies jedoch in weiter Ferne. Direkt vor uns Sanftheit, eine fast unschuldige Landschaft, die nichts von der Brutalität der steinernen Riesen im Hintergrund ahnt. Vorbei an saftigen Wiesen, silbergrauen Seen, vergnügt plätschernden Flüsschen steigen wir zunächst unmerklich, bald deutlich höher und höher bis wir uns auf einer beängstigend engen Bergstraße befinden, die sich an dem urwald-bewachsenen Rücken eines Anden-Vorboten hinaufschlängelt. Straßenbegrenzungen gibt es nur gelegentlich. Die Abgründe,  die sich auf der Beifahrerseite auftun, werden immer gewaltiger. Durch das Fenster strömt eine frische, feuchte Luft, die die enorme Vitalität dieses Bergwaldes erahnen lässt. Riesige, sich zäh am Abhang festkrallende Bäume, behangen mit Lianen, umgeben von Farnen, dichten Büschen. Kleine und größere Rinnsale, die sich unbeirrt über die Fahrbahn schlängeln. Um uns herum nur grün und das grau der schmalen Straße. Ab und zu erhaschen wir einen Blick hinaus aus dem Wald in die bergige Ferne, die immer näher rückt. Als wir bergab aus dem Nebelwald hinausfahren, haben wir bereits die Grenze zur nördlichsten Provinz Argentiniens überschritten – wir sind in Jujuy.

Vermutlich sind die Eroberer Argentiniens von Süden nach Norden vorgegangen, und als sie nach Salta kamen, waren sie so verzaubert, dass sie die Provinz augenblicklich La Linda tauften. Als sie dann aber noch weiter nördlich gingen und nach tagelangem Marsch aus dem so eben beschriebenen Urwald herausschritten, da erblickten sie Jujuy und wussten, dass sie voreilig gewesen waren mit der Vergabe des Attributs „Die Schöne“ und wollten sich am liebsten in ihre Conquistadoren-Allerwertesten beißen. So oder so ähnlich muss es gewesen sein.

Aber ich bin ungerecht. Salta ist tatsächlich ein wunderschönes Fleckchen Erde (darüber werde ich später mehr berichten). Jujuy jedoch war für mich eine vollkommen neue Welt. Hier habe ich Dinge entdeckt, die ich zuvor noch nie gesehen habe und ich habe begriffen, dass ich nun tatsächlich auf einem anderen Kontinent lebe. Man wird des Schauens einfach nicht müde. Man saugt die Landschaft geradezu mit den Augen auf. Ein Extrem neben dem anderen. Eben noch im feuchten Nebelwald, im nächsten Moment breiten sich staubig-trockene Täler links und rechts der Fahrbahn aus, die übersät sind mit mannshohen Kakteen, Felsbrocken und Distelpflanzen. Dahinter, und diesmal zum Greifen nah, die Anden. Gnadenlose Felstürme, umkreist von spähenden Kondoren. Ab und an passiert man kleinere, vom wilden Klima abgeschirmte Täler, in denen Wiesen und Bäume überleben können. Die Dörfer am Wegesrand werden immer kleiner, bescheidener, ärmer. Die meisten Jujeños sind Indigene; ihre Sprachen, allen voran Quechua, sind allerdings leider kaum noch zu hören.

Auf unserem Weg nach Tilcara müssen wir einen Schandfleck noch passieren – San Salvador de Jujuy, die Provinzhauptstadt. Dorthin verirrt sich der Jujeño vermutlich nur um zum Beispiel Bankgeschäfte zu erledigen. In unserem Fall waren es Geschäfte kleinerer Art, die uns zu unserem unfreiwilligen und kurzen Stopp in dieser trostlosen Hässlichkeit veranlassten. Schnell ging es daher weiter, mit entleerten Blasen und gefüllten Mägen. An den Lama-Burger trauten  wir uns bei unserem ersten jujuyschen Snack übrigens noch nicht heran. (Ob das Lama kurz vor seiner Schlachtung selbst noch auf die Bestellung des unfreundlichen Gastes spuckt…?)

Nach fünfstündiger Fahrt erreichten wir am frühen Abend endlich Tilcara. In der am Ortseingang gelegenen Touristeninformation ließen wir uns eine Unterkunft empfehlen, kurvten noch etwa 30 Minuten lang etwas desorientiert durch die staubigen, steilen, mittlerweile dunklen Straßen der Ortschaft und gelangten schließlich ziemlich erschöpft im Gasthaus La Morada an.

Das nächste Mal: Tilcara und drumherum.

Anstelle einer neuen Spanisch-Lektion gibt es diesmal Fotos.

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Teil 1: Buenos Aires – Salta

2 Jul

An einem Dienstag Anfang Mai brachen wir recht spontan auf, wenn auch das Ziel unserer Reise schon lange zuvor festgestanden hatte: Salta und Jujuy – Nordargentinien. Am Vormittag kauften wir die Flugtickets, packten – begleitet von dem Enthusiasmus, den man zu verspüren pflegt, nachdem man eine schmerzlich große jedoch vielversprechende Investition getätigt hat – unsere Taschen und fuhren am Nachmittag desselben Tages mit einem der schwarz-gelben Taxis Richtung Flughafen, jenem innerstädtischen, der nach dem argentinischen Otto Lilienthal Jorge Newbery benannt ist. Von dort hoben wir gegen 17 Uhr mit geschlossenen Sitzgurten und hochgeklappten Tischchen ab und brachten in 2,5 Stunden etwa 1250 km zwischen uns und das alltägliche Moloch Buenos Aires. Zielort: Salta, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.

Der saltenische Taxifahrer, der uns an diesem Abend ins Zentrum chauffierte und dessen nordargentinischer Dialekt für mich nur schwerlich zu dekodieren war, organisierte uns über das Handy unsere erste Unterkunft in der Stadt. Der misstrauische westeuropäische Tourist mag hier stutzen und im nächsten Moment panisch nach dem Türöffner greifen. Doch im Norden, so hatte man uns erzählt und so fanden wir es nun bestätigt, sind die Menschen zum großen Teil tatsächlich einfach gastfreundlich und hilfsbereit. Während der Fahrt zum Hostel eines guten Bekannten unseres Taxifahrers, berichtete uns dieser von lustigen bis denkwürdigen Begegnungen mit vorwiegend europäischen Touristen in seinem Gefährt. Da ich zu sehr damit beschäftigt war, den guten Mann zu verstehen und daher wenig bis gar nicht sprach, entging ihm offenbar, dass er seine Geschichten über „zwar ganz hübsche, aber übel riechende deutsche und französische Backpackerinnen, die sich nicht unter den Armen rasierten und die man ganz dringend in einen Jacuzzi werfen sollte“ einer gebürtigen Berlinerin erzählte, die nur wenige Jahre zuvor – vermutlich ähnlich übel riechend – eine 4-wöchige Rucksackreise durch den Süden desselben Landes unternommen hatte. Insgesamt eine sehr hübsche Situation, da ich die delikaten Kommentare des Mannes nur zu etwa 30 Prozent verstand, jedoch die ganze Fahrt über peinlich berührte Blicke von Leandro zugeworfen bekam, der nicht wusste, ob er nun lachen durfte oder den Taxifahrer besser über die Herkunft seines weiblichen Passagiers aufklären sollte. Angekommen im Hostel übersetzte mir Leandro das Vorgefallene. Nach dem gemeinsamen Gelächter überprüfte ich heimlich die Frische meines westeuropäischen Atems. Ich habe mich später umgehört und herausgefunden, dass europäische Frauen hierzulande tatsächlich den Ruf haben, ungepflegt und ungewaschen zu sein – ein Missverständnis, das meines Erachtens auf die an den argentinischen Touri-Hot-Spots übermäßige Präsenz Rastalocken und Leinenhosen tragender Abiturientinnen auf dem ersten großen Selbstfindungstrip zurückzuführen ist.

Da das für uns so fürsorglich organisierte Hostel letztendlich nicht wirklich zum längeren Bleiben einlud, checkten wir schon am nächsten Morgen aus und begaben uns auf die Suche nach einer Fortbewegungsmöglichkeit, die uns hinaus aus der Stadt und weiter gen Norden bringen sollte. Die Wahl fiel recht schnell auf einen Mietwagen (übrigens französischer Provenienz – die Europäer mögen vielleicht stinken, aber Autos bauen können sie!). So machten wir uns aus der Lamäng auf den Weg – ohne Karte, ohne Route, ohne Zeitplan. Noch ein letztes Mal jung und frei und wild sein, wenn auch diesmal ohne Rucksack und Leinenhose. Wir hatten uns lediglich einige Orte und Sehenswürdigkeiten empfehlen und den Weg dorthin beschreiben lassen. Unser erstes Ziel sollte Tilcara sein, ein Ort in der nördlich an Salta angrenzenden Provinz Jujuy (gesprochen ‚chuchui’).

Fortsetzung folgt…

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nordargentinischer reisebericht

2 Jul

In den kommenden Blogeinträgen werde ich ausführlich von Leandros und meiner 10-tägigen Reise nach Nordargentinien berichten, die wir Anfang Mai aus gegebenem Anlass unternommen haben. Ich will versuchen, die unvergesslichen, alle Sinne berührenden Eindrücke dieser Reise wiederzugeben, auch wenn es schier unmöglich ist, das elektrisierende Gefühl, etwas vollkommenen Neues und Wunderbares entdeckt zu haben, sprachlich zu vermitteln. Es sei mir daher bitte verziehen, wenn ich zuweilen etwas pathetisch daherrede und den Einsatz von Adjektiven in gewohnter Weise überstrapaziere – ein stilistischer Makel, zu dem ich mich ungeniert bekenne.

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buenos aires fucking city

29 Mar

Achteinhalb Monate Buenos Aires. Es wird Zeit für eine erste Zwischenbilanz. Was den Blog anbetrifft, fällt diese eher traurig aus. Wo ist sie hin, die Schreiblust? Verkrochen hat sie sich, denn sie hat Angst. Angst vor der nicht zu bewältigenden Masse an Eindrücken. So viel zu erzählen, so viel zu erklären, doch wo anfangen? Oh, I’m a legal alien…. eine Berlinerin in Buenos Aires.

Während des Studiums las ich einmal einen spannenden Artikel über das Phänomen des Kulturschocks. Ein großes Wort, das man häufig viel zu gelassen ausspricht. Man kann es vergleichen mit der Höhenangst, an der so viele Menschen angeblich leiden. Doch ein leichtes Schwindelgefühl, ein wenig Herzklopfen, das ehrfürchtige Festkrallen an der Haltevorrichtung in Anbetracht eines riesigen Abgrundes – das ist keine Höhenangst, das ist gesunder Menschverstand, nichts weiter. Ebensowenig sind Verwunderung und anfängliche Irritationen ob der anderen Verhaltensweisen und fremden gesellschaftlichen Normen im Reisezielland Kulturschock zu nennen. Nein, Kulturschock ist mehr als das, und es ist gut, seine einzelnen Phasen genau zu kennen, um sich selbst an die Hand nehmen zu können, wenn man sie dann am eigenen Leib erfährt.

Am Anfang ist alles gut. Mehr als gut. In den ersten Wochen pumpt das neugierige Herz nichts als Euphorie durch die Adern. Man will raus, sehen, erleben, kennenlernen. Neue Düfte, interessante Menschen, ungekannte Geschmäcker, beflügelnde Geräusche. Das Gehirn läuft auf Hochtouren, absorbiert, verarbeitet, sortiert. Alles ist anders, neu, aufregend und man ist schnell davon überzeugt, die beste Entscheidung seines Lebens getroffen zu haben. Doch bald nach den Flitterwochen, die man mit der neuen Heimat verlebt hat, kommt die erste große Ehe-Krise. Und sie ist der bittere Kern des Kulturschocks. Die neuen Düfte sind plötzlich Gestank, die interessanten Menschen nur noch ungehobelt, die ungekannten Geschmäcker schlichtweg ungenießbar, die beflügelnden Geräusche nichts weiter als unerträglicher Lärm. Zu Hause ist alles besser. Alle doof, außer Mutti. Man will nicht mehr jeden zur Begrüßung küssen (“Was soll das?! Ich kenn den doch gar nicht!”), nicht mehr über den kaputten Bürgersteig stolpern (“Man sollte die Stadt verklagen!”), nicht mehr Spanisch sprechen (“Warum können die kein Englisch?”), nicht mehr Weißbrot essen (“Nichts als Verstopfungen!”). Plötzlich wird einem bewusst, wie weit weg die Heimat ist, und die Freunde und Familie. Man ist unglücklich, verärgert, frustriert. Ängstlich, introvertiert und soziophob. Man geht nicht mehr raus, verkriecht sich lieber in den sicheren vier Wänden (der viel zu kleinen Wohnung – “Wie können die hier nur so beengt leben??”), schreibt zu viele Mails nach Hause, setzt sich bei Skype in den „SkypeMe!“-Modus und sucht stoisch nach günstigen und baldigen Flügen nach Hause. Wenn man raus muss zum Einkaufen, dann lieber nur zum chinesischen Supermarkt – “schließlich sind das auch Ausländer, die wissen bestimmt, wie’s mir geht!”

Kalt erwischt hatte er mich, der Kulturschock. Kalt erwischt, und das bei täglich mehr als 30° Celsius Außentemperatur. Nun gut, es hätte schlimmer sein und länger andauern können. Aus der Retrospektive kann ich sagen, dass man sich selbst besser kennengelernt hat nach einer solchen Phase. Doch währenddessen ist es so, als hätte man vergessen, wer man ist. Übrigens ein weiteres anerkanntes Symptom des Kulturschocks: die Identitätskrise.

Después de la tempestad viene la calma – nach dem Regen kommt die Sonne. Die beiden letzten Phasen des Kulturschocks heißen Erholung und Anpassung. Und diese initiiert man am besten mit Reisen durch die neue Heimat (Allerdings sollte man nicht den törichten Versuch unternehmen, sich im Urlaubsmonat Januar im scheinbar einzigen argentinischen Badeort Mar del Plata zu erholen. Da rutscht man eher wieder in die Krisenphase zurück.). Neue Fächer werden im cerebralen Setzkasten getischlert und mit den Neuzugängen der interkulturellen Sammlung befüllt. Alles findet irgendwann seinen Platz. Man versucht zu verstehen, beginnt zu begreifen, akzeptiert oder toleriert zumindest. Und dann plötzlich macht es klick, zum Beispiel während man Besuchern aus der alten Heimat die neue zeigt, und stellt fest, wie lieb man mittlerweile dieses Land gewonnen hat mit all seinen Schrullen. Ja, in guten wie in schlechten Zeiten. Zurück in die erste, sogenannte Honeymoon-Phase verfällt man wohl nicht mehr. Dafür kennt man seine neuen Pappenheimer einfach schon zu gut. Aber man weiß endlich, was man an ihnen hat. Man ist angekommen in der Realität, und diese ist manchmal schön und manchmal hässlich. Und genau diese Binsenweisheit lockt nun meine eingeschüchterte Schreiblust aus ihrem Versteck hervor und ermutigt sie: Es ist alles gut. Schreib ruhig.

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Castellano für Anfänger, Lektion 4

[spa.] mierda (la) – [dt.] Scheiße (die)

Wenn wir ehrlich mit uns sind, dann müssen wir eingestehen, dass uns an fremden Sprachen zu allererst die schlimmen Wörter interessieren. Da Buenos Aires zudem mit fäkalen Tretminen übersät ist, gehört die oben genannte Vokabel ohnehin zum buenarensischen Grundwortschatz.

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